Das Leben als Mitdreißiger

Ab Dreißig geht es los 🙂 (Bildquelle: Wikipedia)

Manchmal ist man im Leben an dem Punkt angekommen wo man sich fragt: Ist das alles wirklich geschehen? Bin ich echt schon so lange auf diesem Planeten? Wir alle werden älter, nicht jünger, auch wenn manche sich das einbilden 😉 Mal abgesehen von jenen bedauernswerten Charakteren die von der Pubertät bruchlos in die Rente gehen ohne etwas dazu gelernt zu haben wird den meisten anderen Menschen vor allem eines bewusst: Nämlich das man das Leben bewusst leben sollte, dass jeder Moment etwas magisches besitzt, das alltägliche Dinge nicht nur vor allem mechanisch erledigt werden sondern das wir am Ende jeden Tages uns noch guten Gewissens selbst im Spiegel ansehen können. Sie meinen zu pathetisch? Nun vielleicht wird man ab 30 so ;-), ich weiß es nicht. Aber es stimmt einen zuversichtlich, wenn man sich selbst sagt: Ja, immerhin habe ich trotz aller Widrigkeiten bis hier her überlebt! Natürlich kann ich in erster Linie nur von mir selbst berichten, doch ich kenne sehr viele denen es genauso geht. Eigentlich ist doch der Lebensabschnitt zwischen 30 und 40 der schönste oder? Man hat genug miterlebt um zu wissen was definitiv Mist ist und gleichzeitig noch genügend Lebenszeit vor sich diesen nicht unbedingt genauso zu wiederholen, eine Win Win Situation quasi! Wir „Mitdreißiger“ können lächelnd auf die „ganz Jungen“ herabsehen, weil wir ahnen das diese genau die gleichen Dinge „verbrechen“ wie wir selbst (was wir im Gegensatz zu den „ganz alten“ nicht moralinsauer kommentieren, sondern höchstens noch mehr oder minder „kluge“ Tipps dazu geben) und zugleich sehen wir Ältere vor uns die offenbar sich längst von sich selbst verabschiedet haben, Letztere können wir Mittdreißiger auch noch als die schlechten Vorbilder abtun. Also für sich genommen eine angenehme Situation wie ich finde. Wir sind dazu in der Lage Selbstreflektierend zu sein und trotzdem nicht bescheuert Altklug daherzukommen, wir haben genügend gelernt und gesehen um zu wissen was das Leben so alles mit einem anstellen kann, egal wie vermeintlich geschickt man sich anstellt. Und wir betrachten die Welt aus einem wirklich differenzierten Blickwinkel, noch haben wir keine Jahrzehntelang zementierten Meinungen in unseren Köpfen und zugleich haben wir den allzu jugendlichen Idealismus und die spätpubertäre Naivität restlos bereits abgeschüttelt. Wir wissen wie beschissen diese Welt sein kann, wir wissen aber auch wie verdammt lustig und spaßig sie doch eigentlich auch ist! Unser Zynismus ist allerdings manchmal wirklich kaum mehr zu ertragen, dass gebe ich freimütig zu. Woher dieser rührt überlasse ich jetzt mal den Soziologen und Psychologen, vielleicht resultiert er daraus, dass man versucht an für sich bittere, ernste Themen mit diesem dann doch irgendwie humoristisch aufzuarbeiten, vielleicht ein ultracleverer Schachzug unseres Gehirns, wer weiß….

Auf alle Fälle begibt sich der mittlerweile eben dann doch im Leben kampferprobte Mitdreißiger gerne auf Abenteuer, ob es die längst überfällige Scheidung von der vermeintlich großen Schulliebe ist oder die dritte Hochzeit, weil man vorher etwas übereilt den Bund fürs Leben aus rein wissenschaftlichen Testzwecken gleich mehrfach hintereinander einging, egal, wir sind hier wahrlich Flexibel. Moralisch und geistig gefestigt wie ein Bambusrohr im Wind haben wir überhaupt keine Probleme damit Dinge die wir bis 30 für völlig Irre gehalten haben jetzt als total normal anzusehen, verzeihen Sie es uns! Aber sich aufgrund vorgefertigter Meinungs- und Verhaltensmuster den Spaß versauen zu lassen kommt für einen Mitdreißiger echt nicht in Frage, sorry da muss ich sie wohl moralisch gesehen erst einmal enttäuschen. Auf so öde Sachen haben wir nun echt kein Bock, schließlich suchen wir in unserem Lebensabschnitt nach den wahren Kicks, Herausforderungen, ungelösten Rätseln der Welt und sonstigen abenteuerlichen Thematiken die es noch auf der Welt gibt. Wie zum Beispiel das bis heute nicht gelöste Rätsel der korrekten Kindererziehung oder für die wo erst noch daran denken sich als Erziehungsberechtigter zu versuchen das Mysterium der Frauenwelt zu verstehen, (das gilt nicht nur für die Männer, denn die Meisten Ladys da draußen verstehen sich und anderer ihrer Geschlechterspezies nämlich auch nicht!) unglaublich wichtige und bedeutsame Dinge. Es wimmelt für einen Mitdreißiger da draußen geradezu vor solch durchaus Abendfüllenden Lebensaufgaben, man muss sie nur finden wollen! Wenn Sie sich dabei erwischen wie sie abends ernsthaft danach googeln in welcher Anordnung man die Aquarium Einrichtung für die lieben Fischis am optimalsten anbringt, dann wissen Sie es mit Bestimmtheit: Sie sind angekommen in der stets nach Perfektionismus strebenden Welt der Mitdreißiger, Gratulation! Aus schierer Angst irgendwas Falsch und am Ende vielleicht dann doppelt (das geht gar nicht! NO GO für über 30-Jährige!) zu machen googelt man lieber alles dreimal um auf Nummer sicher zu gehen. Sich selbst erwischen sie sich dann bei dem Gedanken das dieses Vorgehen eigentlich total spießig ist, aber selbstbewusst wie man ab 30 von Natur aus nun einmal ist erzählt man freilich nur dem besten Freund (allerhöchstens!) von solch merkwürdigen, plötzlich aufkommenden Neigungen. Dafür ist man beim wöchentlichen Großeinkauf ganz der anarchistische Supermarkt Guerillero: Nicht nur wegen langsam öfters aufkommenden Vergesslichkeit, sondern aus purer Lebens- und Abenteuerlust lassen wir den ohnehin nur lückenhaft geführten Einkaufszettel total revolutionär am Kühlschrank hängen! Heute wird quasi im Freestyle eingekauft! Yeah! Das wir dann später am Abend uns über fehlende Chips oder in der Küche über das komischerweise dann doch nicht mehr wirklich vorhandene Nudelgedöns aufregen ist die andere Seite, aber hey, wer so hart am Limit einkauft muss eben einen Preis dafür zahlen! Der Mitdreißiger nimmt das gerne in Kauf, schließlich kann selbst ein banaler Einkauf zum epochalen Erlebnistrip werden, glauben Sie nicht? Machen, einfach machen! Übrigens ist das sowieso das Motto: Tun Sie es so lange es noch nicht vergessen ist, früher hieß das glaube ich über Gräber vorwärts aber ich bin mir da im Moment jetzt nicht sicher ob das derzeit politisch korrekt ist, ach, auch egal, auf alle Fälle sind Mitdreißiger sowieso die perfekten Experimentalforscher, wir erproben gerne alles am lebenden Objekt. Nicht nur an uns selbst, wie bspw. der Versuch mindestens die gleiche Menge an vor Cholesterin und Fett nur so triefenden Speisen zu uns zu nehmen wie wir damals mit Anfang zwanzig zum zweiten Frühstück schafften, nein, auch an unseren Mitmenschen probieren wir uns gerne aus. Ob es verhaltenspychologische Feldversuche an der Supermarktkasse sind (Stimmt das echt was ich neulich in dem Buch über Hypnose und die Zirbeldrüse gelesen habe?) oder der Wissenstest mit dem immer hilfloser dreinblickenden Mechaniker in der Werkstatt, wenn wir ihn mit einem an für sich belanglosen aber für uns doch irgendwie störenden Elektronikproblem nerven und gleichzeitig unser gegoogeltes Halbwissen im Brustton der Überzeugung an ihn herantragen. Mal schauen ob er sich so verhält wie ich gedacht hätte oder ob ich doch noch eine unschöne Bekanntschaft mit seinem Schlagschrauber machen darf? Alles will er in der Realität erforschen, ja so sind wir eben: Eine krude Mischung aus zur Schau getragener Altklugheit und jugendlichem Naseweis sein, dass nassforsche Chamäleon unter den Menschentypen eben.

Ja ab 30 sind wir eben richtig spaßig, da gibt es kein Halten mehr! Wie bei einem schlechten Whiskycola kann man sagen: Die Mischung macht´s! Wer zu viel vom Fusel reinkippt schmeckt ihn bitter heraus, wer zu viel vom süß-braunen Zuckergebräu reinleert der bekommt die Magenschmerzen noch bevor der Kopf anfängt lustig zu sein, die Übung macht den Meister. 😉 So ist es auch im Leben von Mitdreißigern, im Prinzip testen wir uns immer noch durch den Alltag wie ein Blinder durch ein Minenfeld, aber mit wesentlich mehr Raffinesse und deutlich besserem Modegeschmack als mit Mitte zwanzig, Gott was war man damals Stümperhaft! So was gibt es heutzutage nicht mehr, bevor wir Mitdreißiger Bockmist bauen planen und kalkulieren wir ihn in gewohnter perfektionistischer Manier durch oder verwalten zumindest das danach entstandene Chaos mit wesentlich mehr Routine als früher. Alleine das hektische herum Getue, wenn man mal wieder von einem staatlichen Wegelagerer mit schlappen 25 km/h außerhalb geschlossener Ortschaften geblitzt wurde, pah, als ob das nicht ein bloßer Verwaltungsakt wäre… Total gechillt schreiben wir heute erst einmal der zuständigen Behörde das wir im Moment eh keine Kohle haben und wir deshalb alles abstottern wollen und prompt wird aus einem riesen Problem drei Kleine die wir eigentlich schon wieder vergessen haben bevor es überhaupt losging! Somit können wir also von einer gewissen Effizienz beim Umgang mit Problemen sprechen, selbst, wenn wir sie i. d. R. maßgeblich selbst mit verursacht haben. Ja man könnte es auch so formulieren, dass man ab dreißig besser weiß was man selbst für eine Sch… gebaut hat und wie man sie wieder, höchst diskret versteht sich, möglichst schnell wieder beseitigt. Davon abgesehen kalkuliert der Mitdreißiger wesentlich besser als ein gutes Jahrzehnt zuvor: Generalstabsmäßig werden die persönlichen Ausfälle und zutiefst menschlichen Aussetzer geplant. Längst nicht mehr so chaotisch und ungelenk, nein, man hat auch nicht mehr den Drang dazu beinahe täglich in die Grütze zu grabschen, sondern man verteilt es möglichst gleichmäßig über das ganze Jahr, so lässt sich doch gleich ganz anders arbeiten… Der Stress (das mag man ab dreißig ohnehin nicht mehr!) vermindert sich damit merklich, das ist gesünder und darauf legt der Mitdreißiger ja auch deutlich mehr wert als früher. Unsere Gesundheit ist uns nicht mehr völlig egal, ab und an darf sie auch Beachtung finden, nicht nur das wir herausfinden müssen das wir urplötzlich eine gewisse freilich nur teilaspektisch gesehene Leistungsänderung zu verzeichnen haben… Sprich wir merken trotz unglaublicher Errungenschaften und persönlicher Anstrengungen auf den Gebieten der modernen Sportfintess und der industriellen Gesundlebensmittelforschung das sich auch körperlich doch irgendwie manches ändert. Freilich nicht so brutal wie wenn man das beinahe biblisch anmutende Alter von Ü40 überschritten hat, bis dahin geht die Titanic noch ein paarmal unter, nein, aber irgendwas ist eben anders. Ganz entscheidend ist das zu bemerken bspw. beim Fahrradfahren: Während Sie die Heerscharen der ohnehin schon kurz vorm Jenseits stehenden Rentner mit ihren E-Bikes belächeln und sich voller zügellosem Hochmut auf das gut ein Jahrzehnt unter suboptimalen Bedingen im heimischen Heizungskeller eingelagerten Drahtesel schwingen und dann nach den ersten drei Kilometern bemerken das die globale Erderwärmung offenbar sich auch auf die Erdphysik insbesondere die Anziehungskraft ausgewirkt hat. Wer kennt dieses einmalig beherzte „Aha-Erlebnis“ nicht auch? Sie zweifeln an ihrem Erinnerungsvermögen und rechnen (freilich via Googel Maps und Earth an ihrem Omnipräsenten Smartphone) aus ob sich die Wegstrecken der örtlichen Fahrradwege im Laufe des letzten Jahrzehnts wo Sie selbst hauptsächlich Auto gefahren sind vielleicht doch irgendwie verändert haben. Entgeistert stellen Sie fest das dies nicht der Fall ist, der unglaubliche Verdacht keimt auf das dies doch unter Umständen an der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit liegen könnte. Plötzlich verstehen Sie warum andere Mitdreißiger regelmäßig an Kraftprotz und Potenzschauaktionen wie dem „Iron-Man“ teilnehmen, man will wissen ob es nun echt schon so schlimm ist oder ob man wenigstens noch einmal solch ein Martyrium überlebt!

Doch bevor ich Sie nun weiter mit mehr oder weniger ruhmreichen Geschichten aus dem Leben eines mir völlig unbekannten, rein hypothetisch existierenden Mitdreißigers 😉 langweile komme ich zum eigentlich Punkt meines Textes: Was Sie als aufmerksamer Leser jetzt aber bestimmt vor allem bemerkt haben ist die Tatsache das man ab dreißig so herzhaft über sich selbst lachen kann! Manch böse Zungen behaupten zwar das mit dem vierzigsten Geburtstag diese Tugend wieder beerdigt werden würde, doch bleibe ich zuversichtlich das dies nicht bei allen der Fall sein wird. Wenn die Menschen sich einen kleinen Moment nicht immer so enorm wichtig und damit ernst nehmen würden wäre diesem Planeten glaube ich wirklich geholfen, bisher bleibt es ein frommer Wunsch von Menschen wie mir, aber vielleicht regt ja mein Text den ein oder anderen noch Denkenden dazu an sich diesen Schlussfolgerungen anzuschließen.

In diesem Sinne

Herzlichst

Ihr Michael Sanchez

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