Die Böhsen Onkelz -Tod gesagte leben länger

Die böhsen Onkelz, seit bestehen Skandalumwittert und doch erfolgreich (Bildquelle: Wikipedia)

Die böhsen Onkelz, seit bestehen Skandalumwittert und doch erfolgreich (Bildquelle: Wikipedia)

Die BILD Zeitung nannte sie die schlimmste Band Deutschlands. Die „böhsen Onkelz“ sind seit bestehen immer wieder ein Reizthema in der deutschen Musikszene. Sie stritten sich leidenschaftlich mit bekannten Musiksendern wie MTV (Ein Titel Namens „Keine Amnestie für MTV“ ging daraus hervor) und provozierten immer wieder durch ihre Texte, ihr auftreten und trotzdem bescherten ihnen ihre Alben Rekordverkaufszahlen. Die Band gilt als Skandalumwittert und doch verehren ihre Fans sie wie Götter. Es ist wohl eine einmalige Fanbindung die sie gerade jenen Medien zu verdanken haben die sie stets versuchten auszugrenzen. Ein mal mehr ein Beweis wie die Verteufelung durch die Mainstream-Presse genau das Gegenteil dessen auslöst was es ursprünglich bewirken sollte.

Die Band begann ihren Werdegang in der Frankfurter Punk- und Skinheadszene (Die damals übrigens eng miteinander verwoben bzw. in weiten Teilen identisch war, was viele Heute nicht mehr wissen..) Anfang der 80er Jahre, wobei sich viele Mythen darum ranken woher der Name „böhse Onkelz“ mit der bewusst gewählten eigenartigen Schreibweise letztendlich herkommt. Doch will ich hier nicht die Geschichte der böhsen Onkelz nach erzählen, wer genaueres wissen will der kann das HIER und HIER sehr schön und detailliert nachlesen.

Mir persönlich war die Band seit meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr bekannt. Anfänglich wusste ich (wie mit Musik allgemein) damit recht wenig anzufangen. Aber sie hatten doch irgendwie eine Faszination, die gehassten Underdogs, die Geächteten auf Rebellionstour, jene die diese schnarchigen und sülzigen Musikheinis so richtig aufmischten. So nahmen viele gleichaltrige in meinem damaligen (übrigens total spießig, gut bürgerlichen!) Umfeld diese Band war. Wie immer gab es natürlich jene die einfach nichts mit Rockmusik anfangen konnten, okay, aber diejenigen wo so etwas mochten hörten alle die „BO“. Manche ihrer Texte war freilich etwas abgewrackt, man merkte das die Frankfurter Kellerkinder wohl einiges mitgemacht hatten in jungen Jahren. Einige Texte empfand ich als zu Melakonisch und beinahe depressiv. Aber viele Lieder sprachen uns aus der Seele. Sie sangen worüber und größtenteils auch wie wir dachten! Sie sangen so das man diese Worte mit seiner eigenen Lebenssituation gut in Verbindung bringen konnte, man identifizierte sich damit. Sie sangen über Liebe, Herzschmerz, die Schicksalsschläge im Leben, über schlechte Erfahrungen die man machen musste, über Gewalt, über Exzesse und über Gott und die Ewigkeit. Sie deckten damit wohl die gesamte Bandbreite von dem ab was uns als junge Menschen berührte. Das waren Dinge die uns bewegten aber unser Eltern nicht (mehr) verstanden. Die böhsen Onkelz kritisierten die Kirche heftig, griffen die etablierten Musikproduktionen an, sangen über die Gosse in der man schnell landen konnte und auch über die Scheinheiligkeit dieser Gesellschaft, über ihre Verlogenheit und Doppelmoral. Das ergriff uns, dass sprach uns an und erschien uns weitaus ehrlicher und einleuchtender als dieses doppelzüngige Geschwätz von Paukern, Eltern und allgemein üblichen „Autoritätspersonen“. In ihren Liedern brachten Sie Gefühle zum Ausdruck und innerste Gedanken, man wäre nie auf die Idee gekommen das so zu sagen, doch wo man es hörte dachte man: Ja, genau, genau so geht es mir! Oder: Ja, diese und diese Situation kenne ich nur zu Gut!

Mich persönlich faszinierte es sicherlich auch das diese vorgeblich „bösen Jungs“ ja in Wirklichkeit überhaupt nichts böses taten. Sie provozierten heftig, aber meinten es doch Gut oder zumindest wollten Sie einen nicht für irgendeine Sekte rekrutieren oder ähnliches. Damals fühlte sich eine große Anzahl von Jugendlichen unverstanden, es waren die 90er, vieles war im Umbruch. Vieles verstanden wir kaum, leider Gottes auch unsere Eltern nicht. Diese Musik begleitete mich meine ganze Jugend, die BO waren Teil meines Lebens. Wir dachten oft wenn wir die Lieder von Ihnen hörten: Ja, wir wissen was ihr singt und was ihr meint, ihr seid ehrlich und lügt nicht! Ihr verklärt weder etwas unnötig, noch belügt ihr euch selbst oder beschönigt Dinge die nicht schön sind. Einmal sagte, ich glaub der Band Leader Stefan Weidner, das manche Menschen Tagebücher schreiben, die Onkelz dagegen Lieder schreiben. Sprich ihre Tagebücher sind ihre Lieder, sie erzählen aus ihrem Leben. Wir hatten oft das Gefühl sie erzählen unser Leben ohne es zu kennen, so passend war es nur all zu oft. Das schlug ein wie eine Bombe bei vielen. Und übrigens rekrutierte sich das Publikum der BO keineswegs nur aus Unterschichtlern und Außenseitern wie gerne behauptet wird. Die Kinder der gut bürgerlichen Mittel- und Oberschicht versammelten sich dort neben Arbeiterkindern und waren gemeinsam begeistert von dieser Band. Und es ist einfach nicht richtig zu behaupten das diese Band zu diesem damaligen Zeitpunkt immer noch hauptsächlich von „Rechten“ oder ähnlich gesinnten Leuten gehört wurde. Selbst die härtesten Kritiker der Band mussten immer wieder kleinlaut zugeben das die wenigen Ihrer Lieder wo man eindeutig als „Rechts“ einstufen kann ganz eindeutig aus ihren Anfängen, den vorhin bereits erwähnten Tagen als Skinhead-Hinterhofband, stammten. Zu dieser Zeit enthielten die Songs der Onkelz allgemein sehr viel Gesellschaftskritik. Sie griffen zu Recht die katholische Kirche sehr direkt an, sie geißelten Scheinheiligkeit allgemein und sangen sehr viel über das Leben, die Liebe, über Gefühle und Gedanken, wer da ständig politische Dinge hineininterpretieren will ist selbst Schuld.

Rückblickend muss ich sagen das die Onkelz bei ihren Texten wahrhaftige Meister der Psychologie waren oder sie besaßen einfach ein sehr gutes Gespür dafür was bei ihrem jugendlichen Zielpublikum ankam. Wir kamen uns verstanden vor von diesen vier Kerlen wo eine Musik machten die trotz der härte Gefühl ausstrahlte, trotz der oft sehr dunklen Themen einem Hoffnung machten. Wir hatten es Satt verlogenes Geschwätz von Lehrern, Eltern und diversen „braven“ Popbands zu hören. Und natürlich sprach es den jugendlichen Rebellengeist an, etwas wo wohl alle Bands der neueren Pop- und Rockkultur ansprechen mussten um Erfolg zu haben. Sie vermittelten einem das Gefühl mit seinen Gedanken nicht der einstigste auf der Welt zu sein, sie sagten einem unterschwellig: Hey, wir wissen wie ihr fühlt und wie es euch geht! Wie ihr die Welt erlebt und kennen lernt! Vielleicht war es jene Art von „Verstanden werden“ die Eltern noch nie ausstrahlen konnten was uns so magisch anzog bei dieser Band. Für uns die in einer vorgeblich heilen, friedlichen und im Wohlstand stehenden gesellschaftlichen Umgebung groß wurden gab es vieles was uns überforderte, worauf (wohl auch mangels eigener Erfahrungen) unsere Eltern keine Antworten wussten oder überhaupt nicht verstanden was wir meinten. Als heranwachsender junger Mensch, mit all den Problemen des Erwachsenwerdens beladen, den Gemütsschwankungen, all den Tiefschlägen und dem langsamen hineintasten in die Welt der „anderen“, vermittelten einem die böhsen Onkelz ein Stück Sicherheit in dieser für uns damals noch neuen Welt wo es doch so vieles zu entdecken galt. Sie hatten zu fast jeder Situation die ein junger Mensch durchlebt einen passenden Song und vorallem kamen sie einfach authentisch rüber, nichts wirkte nach Drehbuch inszeniert. Ihre Texte versprühten ungeschminkte Ehrlichkeit, in aller Härte und Klarheit. Sicherlich putschten sie einen auch bei entsprechender Gelegenheit damit auf. Doch Entschuldigung, wir haben wenigstens gelebt! Wir sind nicht nur da gesessen und haben schön das gemacht was man uns vorgab und dabei nett gegrinst. Vieles war deshalb vielleicht nicht einfacher dadurch, doch wir wollten und mussten eigenen Erfahrungen machen. Die BO begleiteten mich, uns, auf diesen manchmal recht verschlungenen Wegen des Lebens.

Die böhsen Onkelz umwehte seit je her auch immer ein Hauch Anarchie. Sie stellten bestehende Denkmuster (Vorurteile würde man Heute sagen..) immer in Frage, hielten sich an keine Konventionen und plädierten stets für selbstbewusste Menschen die nicht alles schluckten was man ihnen von Oben vorsetzte. ( Passendes Lied dazu: „Lieber stehend sterben als kniend Leben“) Vielleicht war es gerade ihre mitunter recht kultige Kritik am Establishment was mich Heute noch so fasziniert an ihnen. Gelegentlich höre ich heute noch Ihre Lieder die man längst rauf und runter bei youtube hören kann bis einem schwindelig wird. Doch stelle ich fest das ich Heute immer weniger diese Musik hören kann, wieso? Nun, vielleicht weil alles seine Zeit hat, so auch diese art von Liedern, sie sprechen mich mittlerweile in meinem Alter einfach nicht mehr so an wie damals. Ich denke das ist durchaus normal oder hören Sie Heute noch die Lieder wo sie vor 20 Jahren schon gehört haben bzw. hören sie diese in der Häufigkeit von damals? Wohl eher nicht denke ich.

Die BO sind für mich bis Heute ein Phänomen der modernen Popkultur die sich längst einen festen Platz in der Musikgeschichte erklommen haben. Und es freut mich natürlich wenn diese mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Rocker es immer noch schaffen diese öden, schmierigen und geistig minderbemittelten Mainstream Prestituierten in Aufregung zu versetzen. Ja, ich weiß, nicht feine Umgangssprache! Doch wie heißt es in einem Liedtext der BO: Finde die Wahrheit so lange Du noch kannst!

In diesem Sinne

mit rockigen Grüßen 😉

Ihr Michael Sanchez

P.S. Sehr zu empfehlen ist diese kurz Doku auf Youtube! 

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