Der missverstandene Begriff Anarchie

"Anarchie", ein oft missverstandener Begriff (Bildquelle: Wikipedia) Im Zusammenhang mit dem ohnehin schon sperrigen Begriff „Anarchokapitalismus“ gibt es immer wieder begriffliche Verwirrungen. Besonders der in jenem enthaltene Wort „Anarchie“. Mit diesem Artikel möchte ich versuchen etwas Klarheit in die Debatte zu bringen, gerade weil Kritiker einer freien Ordnung stets dieses Wort als eine Art Kampfbegriff verwenden.

In Wikipedia lesen wir unter dem Suchbegriff Anarchie folgende Definition:

Landläufig wird Anarchie auch mit einem durch die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt bedingten Zustand gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und Gesetzlosigkeit beschrieben und vor allem in den Medien häufig im Schlagwort „Chaos und Anarchie“ verwendet. Die tatsächliche Bezeichnung für einen solchen Zustand ist jedoch Anomie.

Im Duden steht folgendes dazu:

a. Zustand der Herrschaftslosigkeit, Gesetzlosigkeit; Chaos in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Hinsicht Beispiele einen Staat, die Wirtschaft an den Rand der Anarchie bringen in diesem Land herrscht Anarchie

b. gesellschaftlicher Zustand, in dem eine minimale Gewaltausübung durch Institutionen und maximale Selbstverantwortung des Einzelnen vorherrschen

Gebrauch

Philosophie

Immerhin wird im Duden unter Punkt b. die meines Erachtens korrektere Beschreibung aufgeführt. Ich argumentiere als keinesfalls im luftleeren Raum wenn ich behaupte das Anarchie grundsätzlich nichts Schlechtes ist! Oder würden Sie eine Ordnung favorisieren in der Gewaltausübung gegenüber dem Individuum maximal ist? Das ist übrigens ein Punkt wo selbst gestandenen Staatsgläubige, seien sie nun konservativer oder offen sozialistischer Natur, nichts wirklich dem entgegen bringen können. Sie flüchten sich dann in Behelfsargumente und führen an das diese Gewaltausübung ja durch den Staat selbst beschränkt werde und ja an für sich nur die „Bösen“ treffe, beispielsweise bei Gesetzesbrüchen und Ahndung durch die Polizei. Doch sie kommen nicht darum zu zugeben das sie die Herrschaft über andere Menschen für grundsätzlich und auch vor allem moralisch legitim halten. Damit diskreditieren sie sich offen selbst, nur leider merken das die Wenigsten.

Wie im Duden Eintrag unter Punkt a. aufgeführt denken viele Menschen das Anarchie etwas mit der Herrschaft des Faustrechts oder Gesetzlosigkeit an sich zu tun habe. Gerade in Deutschland ist das die Mehrheitsmeinung. Leider natürlich auch von diversen Gruppen und Personen unterstützt die immer wieder behaupten sie seien Anarchisten und letztendlich aber nur Menschen sind die gerne Gewalt ausüben und keinerlei Respekt vor anderer Leute Eigentum haben. Sie stehen auf der gleichen Stufe wie etwa jene Menschen die unter dem Denkmantel irgendeiner Religion abscheuliche Verbrechen begehen. Ich fasse diese Personen unter dem Begriff „psychisch deformierte“  oder letztendlich Psychopathen die ihre Gewaltfantasien ausleben zusammen.

Ein bekanntes Zitat des französischen Philosophen Pierre Joseph Proudhon lautet: Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft. Das ist persönlich mein Lieblingszitat denn es trifft den Nagel auf den Kopf und beschreibt gut begreifbar was Anarchie an für sich bedeutet. Hans-Hermann Hoppe, Oliver Janich und andere libertäre Denker sprechen gerne von einer „natürlichen Ordnung“ und meinen letztendlich diesen Zustand. Sie haben sich nicht ganz zu Unrecht von dem so oft und so lange völlig Fehlinterpretierten Begriffe „Anarchie“ oder „Anarchismus“ (auch „Anarchokapitalismus“) entfernt weil sie erkannt haben das damit sehr viele Menschen einfach nur abgeschreckt werden.

Anarchie beschreibt letztendlich die Selbstorganisation der Menschen. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist der Ur-Zustand im neu entdeckten bzw. dann neu unabhängigen, frühen Nordamerika. Die damaligen Pioniere und Siedler die oft weit auseinander lebten und ohne jegliche Zentralregierung sehr gut miteinander auskamen haben bewiesen und es vorgemacht wie es gehen kann. Sie haben in der Regel freie Verträge mit den Ureinwohnern ausgehandelt und mit diesen friedlichen Handel getrieben. Erst der dann aufkeimende US-Staat schickte dann mehr und mehr die Kavallerie und begann den Genozid an den US-Amerikanischen Ureinwohnern zu vollstrecken und die Reste davon in willkürlich festgelegte Reservate zu zwängen. Ich denke oft das aus dieser Zeit auch das gesunde und tief sitzende Misstrauen vieler US-Bürger gegenüber der eigenen Regierung herrührt. Und natürlich auch daher das viele Einwanderer damals vorher in Europa schon von Staaten verfolgte Menschen gewesen waren, sie wussten wie „schön“ es ist wenn ein Staatsystem einen für Vogelfrei erklärt. Um die Bürger mit dem Staat quasi „zu versöhnen“ arbeiteten die Gründerväter die berühmt Bill of Rights aus. Diese US-Verfassung garantierte ein sehr hohes Maß an Unabhängigkeit und versuchte durch allerlei Einschränkungen staatlicher Gewalt einen Machtmissbrauch so weit wie nur möglich auszuschließen. Auch das von uns degenerierten Europäern gern belächelte Verfassungsrecht auf das Tragen von Schusswaffen hatte durchaus seinen Sinn, es stellte quasi die letztes Möglichkeit des Einzelnen dar sich zu wehren. Eine Regierung die einer schwer bewaffneten Bevölkerung gegenübersteht wird es sich genau überlegen ob es tyrannische Gesetze erlässt oder nicht, denn sie muss jederzeit damit rechnen das die Bürger sie notfalls mit Waffengewalt stürzt. Ich glaube sicher das die Gründerväter ohne es zu wissen auch von anarchischen Gedanken angetrieben wurde, sie versuchten eine staatliche Ordnung zu kreieren die jeden Menschen so viel Freiheit wie möglich bot. Doch leider wussten sie damals nicht um ein quasi „politisches Naturgesetz“, nämlich das eine Staat mehr oder weniger zwangsläufig immer in einer Diktatur enden muss, da der Staat immer mehr und mehr Macht an sich reißt, schon alleine aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus. Das Ergebnis sehen wir in den heutigen USA die spätestens seit den berüchtigten Patriot Act Gesetzen sich immer mehr zu einem Polizeistaat entwickeln.

Darum denke ich das der Begriff Anarchie gerade Heute wieder sehr aktuell werden wird. Die Menschen auch in Europa bemerken eben doch wie sehr sich die Staaten immer weiter hin zum Totalitarismus entwickeln, wie sie zu unmündigen Untertanen degradiert werden. Die Frage nach dem „Wie viel Beherrschung“ erdulden wir als Bürger stellt sich immer mehr. Freilich sind viele noch in den verworrenen Vorstellungen gefangen das diese ganzen Freiheitseinschränkungen ja eigentlich „nur ihrer Sicherheit“ dienen würden. Doch immer mehr bemerken das sie von dieser ohnehin nur vorgegaukelten Sicherheit sehr bald nichts mehr haben wenn man ihnen das letzte Bürgerrecht und die letzte Privatsphäre genommen oder für die Mächtigen transparent gemacht hat. Langsam dämmert es doch immer mehr Bürgern das mit der These „Der Staat sorgt für uns dafür zahlen wir Steuern und beachten seine Gesetze, egal wie willkürlich und dämlich das Ganze wird“  irgendetwas nicht stimmen kann bzw. erkennen das hier keinerlei Logik herrscht. Ich denke diese Emotionen eröffnen wieder die Chancen für Gedanken einer freien Ordnung, libertäre und anarchistische Ideen. Denn was bleibt den sonst als Alternative? Noch mehr Staat und noch mehr Staat? Den totalen Kommunismus? Den absoluten Zwangsfürsorgestaat? Vor allem widerlegt diese Anschauung in der Praxis sich stets selbst. Alles was der Staat an sich reißt ist spätestens nach einer kurzen Anfangsphase uneffektiver, teurer, komplizierter und realitätsferner als es vorher war.

Ich würde mir wünschen das sich die Menschen solchen Begriffen etwas differenzierter und genauer widmen würden anstatt nur das zu glauben was „allgemein“ darunter verstanden wird. Wie man am Beispiel der Definition unter b. im Duden lesen kann steht es sogar recht objektiv in einem ganz unverdächtigen, offiziellen Nachschlagewerk, doch wird das leider nicht zur Kenntnis genommen. Natürlich mögen einige nun wieder einwenden: Ja, dass ist doch alles Utopie! Ja? Ist es das? Nun, wie sagte doch so schön der französische Schriftsteller Victor Hugo: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

In diesem Sinne

Herzlichst Ihr

Michael Sanchez

 

 

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